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Ligurische Grenzkammstraße / Vallée de la Roya - Juni 2003
Freundlicherweise von Wolfgang zur Verfügung gestellt!!

Der Frühling ist längst da, draußen ist es herrlich warm, es wird allerhöchste Zeit, meiner Honda Transalp und meiner „Neuerwerbung“ Yamaha XT 350 mal wieder was Richtiges mit Bergen und Schotter unter die Räder zu geben. Diesmal muss es einfach die Ligurische Grenzkammstraße sein! Meinen Freund Harald habe ich den Winter über nachhaltig mit dem Schotterbazillus infiziert und so packen wir über das lange Fronleichnam-Wochenende Alp und XT auf den Hänger. Zum zweiten Mal werde ich meinem Grundsatz untreu, die Strecke komplett mit dem Mopped zu fahren. Nach der obligatorischen Vignetten-Abzocke für Bus und Hänger an der Schweizer Grenze geht es zügig über Chur den San Bernardino rauf. Kaum zu glauben, daß ich vor einem Jahr an Ostern auf der Fahrt nach Sardinien kurz vor dem Tunnel mit der Transalp hoffnungslos im Schneechaos steckengeblieben bin. Ich lege an der entsprechenden Stelle eine Schweigeminute ein. Abends erreichen wir am Luganer See den Zeltplatz in Maroggia, Frau Ferrari begrüßt uns wie alte Bekannte und gibt uns Rabatt, dabei war ich erst ein Mal vorher dort. Am See ist es auch in der Nacht noch herrlich mild, wir schlendern am Ufer entlang, lauschen dem Plätschern der Wellen und beobachten die schaukelnden Boote an ihren Stegen. Urlaubsstimmung kommt auf.

Am nächsten Tag passieren wir Mailand im üblichen zähfließenden Verkehr, dann geht es auf einer völlig langweiligen Bahn an Turin vorbei bis endlich bei Cuneo wieder Berge aus dem Dunst auftauchen. Wir kurbeln uns die Serpentinen hoch bis zum Tende-Tunnel (Denzel-Nr. 436) und rumpeln mit gemischten Gefühlen durch die lange altertümliche Röhre. Wir entscheiden uns für den Campingplatz in Tende, auf dem die ganzen nächsten Tage angenehm wenig los ist. Schnell sind die Moppeds startklar, endlich geht es in die Berge! Kurz vor dem Südportal des Tendetunnels zweigt die alte Paßstrasse ab (Denzel- Nr. 435): schmal, Schotter und Serpentinen satt (BILD 1). Harald ist bei den 48 Kehren kaum zu halten, übersieht irgendwie einen Stein und schon liegt die XT flach. Zum Glück hat`s nur einen Spiegel erwischt und ein paar Schrammen gegeben, auch das Selbstwertgefühl ist angekratzt, aber von jetzt ab sind wir einfach noch vorsichtiger. Auf der Passhöhe thront das alte Fort Central umgeben von einem beeindruckenden Bergpanorama (BILD 2) wir biegen jedoch auf dem Kamm nach Westen ab und kommen bald danach zum Fort de la Marguerie. Wir stöbern in den alten Gängen und verfallenden Kammern herum, kaum vorzustellen, daß man hier oben nichts Besseres zu tun hatte als waffenstarrend auf den Feind zu warten. Wir nehmen die Piste weiter nach Westen (Denzel-Nr. 524). Bei der Pont de Peirefique biegt die Strecke nach Süden ab und wir fahren durch eine völlig einsame Bergwelt bis zum Mont Agnelino, nur Murmeltiere begegnen uns in der warmen Abendsonne. Auch hier etliche Abzweigungen und weit und breit keine Gesperrt-Schilder. Schließlich senkt sich die Strecke immer steiler in den Wald hinunter, in der Dämmerung habe ich Schwierigkeiten zwischen dem groben Schotter eine brauchbare Linie für die schwere Honda zu finden und krieche nur langsam hinter der leichtfüßigen XT her. Gerade rechtzeitig kommen wir aus dem Wald heraus, vor uns kleben die Häuser von Tende malerisch am Hang (BILD 3). Bald faucht der Benzinkocher, nach einem ausgiebigen Abendessen kriechen wir in die Schlafsäcke und können den nächsten Tag kaum erwarten.

Nach dem Frühstück wird es bald drückend heiß, wir sind froh auf der Fahrt durch das fast leere Roya-Tal (BILD 4) nach Süden den kühlenden Fahrtwind mitnehmen zu können. Wir wollen auf die ehemalige Grenzroute ganz von Süden einsteigen, also geht die Fahrt erst mal bis nach Ventimiglia ans Mittelmeer. Dort landen wir in einem chaotischen Stau, umgeben von völlig genervten hupenden Autofahrern und sind froh, aus dem hektischen Gewühl nach einem letzten Tankstopp wieder flüchten zu können. Bei Camporosso finden wir den Einstieg zur Grenzroute (Denzel-Nr. 437) und kurven auf einer schmalen unübersichtlichen Straße ganz allmählich ansteigend durch einsame Olivenhaine und Weinberge am Weiler Brunetti vorbei. Da wir von diesem Abschnitt keine Detailkarte haben, vertrauen wir unseren Nasen und dem GPS-Track. Mehrere Wegweiser mit der Aufschrift „Gouta“ und „strada chiusa“ lassen uns vermuten, daß wir noch richtig sind. Dann taucht ein nagelneues Gesperrt-Schild auf und dahinter beginnt tatsächlich die Schotterstrecke (BILD 5). Die Hitze ist inzwischen unbeschreiblich, aber wir trauen uns nicht ohne Jacken zu fahren. Bald wird der Weg immer ausgewaschener mit tiefen Rinnen und Löchern, es gibt die ersten bösen Schläge gegen den Motorschutz. Die XT findet wieder viel leichter einen Weg, ich hüpfe mit der Transalp wie ein Känguruh von Schlagloch zu Schlagloch hinterher. Der Kühler läuft fast im Dauerbetrieb, kein Lüftchen weht. Wir machen Pause, mir läuft der Schweiß als Rinnsal aus den Jackenärmeln. Unsere Trinkvorräte nehmen schon bedenklich ab. Zahlreiche große noch nie gesehene Schmetterlinge umflattern uns. Weiter geht es in völliger Einsamkeit, die Zivilisation ist für uns jetzt weit weg. Überall zirpen Grillen. Die Ansicht Denzels, daß sich dieser Abschnitt „landschaftlich überhaupt nicht“ lohnt, können wir keineswegs teilen. An einem Brunnen treffen wir auf zwei ausgepumpte Mountainbiker, die ihre Trinkflaschen auffüllen. Es dauert lange, bis der dünne Strahl alle unsere Flaschen füllt und der größte Durst gestillt ist. Wir passieren zwei kurze Tunnel und eine alte Kasematte, die jetzt als schattiger Schafstall dient. Wir umrunden den Monte Gouta und stoßen schließlich wieder auf eine kurvige Asphaltstraße, die uns ins Tal nach Pigna führt. Dort schwingen wir uns gleich wieder hoch zum Colle di Langan, füllen an einem Brunnen nochmals die Flaschen, fallen am Paß neben einem aufgegebenen Wirtshaus bei einem alten Bunker auf zwei vergessene Stühle und machen erst mal ausgiebig Brotzeit. Hier weht sogar ein leichter Wind, der unsere Jacken einigermaßen trocknet. Dabei beschließt meine Alp, auf dem nachgiebigen Untergrund umzufallen, der Bremshebel bricht zum Glück so ab, daß ich den Stummel mit zwei Fingern gerade noch weiter bedienen kann. Dann geht es nach Westen zum Colla Melosa, wo wieder der Schotter beginnt. Erneut schrauben wir uns völlig alleine fast immer direkt entlang der Grenze bis auf über 1900 m Höhe. Wir kommen auf der Piste gut voran (BILD 6), nach beiden Seiten haben wir grandiose Blicke in eine unberührt wirkende Bergwelt (BILD 7). Die Gipfelketten liegen wie Vorhänge gestaffelt hintereinander. Wir kommen an einer verfallenen Kaserne auf einer Hochebene vorbei (BILD 8), die Abzweigung zum Balcon de Marta ist inzwischen versperrt. Nach dem Tete de la Nave führt eine Abzweigung hinunter ins Tal, es wir auch allerhöchste Zeit, denn es dämmert bereits. Fast unten passieren wir noch Notre Dame des Fontaines, eine alte Wallfahrtskirche mit sehenswerten Fresken. Über La Brigue erreichen wir bald wieder Tende, wo wir den lauen Abend vor unserem Bus genießen.

Am nächsten Morgen geht es zurück nach La Brigue, wo wir erst mal den alten Ortskern mit den überdimensioniert wirkenden Kirchen besichtigen. Dann geht es über ein zunächst nach Süden führendes Tal in Serpentinen wieder den Berg hoch, wo wir auf unsere Abfahrtsroute vom gestrigen Abend stoßen (BILD 9). Schnell sind wir wieder oben am Grenzkamm, wo wir heute am Wochenende nicht allein sind: einige Mountainbiker, ein paar Motorräder, etliche Allradvehikel und ein völlig wildgewordener Quadfahrer mit Kampfanzug und Fliegerbrille begegnen uns. Nach dem Pas de Collardente wird die Strecke wieder ruppiger, dafür die Bergwelt umso grandioser (BILD 10). Am Mont Saccarel stehen wir auf 2200 m Höhe und ziehen uns den 3600-Rundblick rein. Wieder ist es drückend heiß und es geht fast kein Wind, so daß uns der Schatten der dort aufgestellten überdimensionalen Christusstatue gerade recht für die Mittagspause kommt. Danach folgt ein gut fahrbarer Abschnitt mit einigen Almen, auf den sattgrünen Hängen weiden Kuh- und Schafherden. Ein Schild weist trotzdem wieder auf die „strada pericolosa“ hin. An einem Brunnen tanken wir nochmals herrlich kühles Wasser, dann drohen uns am Col de la Celle Vielle kurz die Wolken zu verschlucken (BILD 11). Die Bergwelt wird immer schroffer mit grandiosen Tiefblicken in die Täler, sogar Schneereste treffen wir noch an (BILD 12). Ab hier sind wir wieder fast allein unterwegs, ich frage mich, wie man früher ohne schwere Baumaschinen überhaupt solche Wege dauerhaft anlegen konnte (BILD 13). Nördlich des Col des Seigneurs beginnt wieder ein Abschnitt mit wüstem Schotter (BILD 14), tiefen Rinnen und Ausschwemmungen. Wir fahren durch eine karge Steinwüste, die mich irgendwie an eine Mondlandschaft erinnert, durchweg bewegen wir uns hier über 2000 m Höhe. Dann steht etwas unterhalb der Piste plötzlich ein Auto verlassen im Gras, das nach einigen Überschlägen auf allen Seiten völlig zerbeult und eingedrückt ist (BILD 15). Der Geländewagen hatte erst wenige Kilometer auf dem Tacho - nagelneu und schon Totalschaden, wie es wohl den Insassen erging? Der Schotter wird tatsächlich nochmals grober, mühsam kämpfe ich mich mit meinem Eisenhaufen um jede Kurve (BILD 16), für die XT ist das natürlich alles kein Problem. Die Sonne wirft plötzlich lange Schatten, schlagartig wird es jetzt empfindlich kühl, wir müssen uns beeilen. Vorbei an der exponierten Haarnadelkurve des Col de la Baira (BILD 17) windet sich die Piste in stetem Auf und Ab dem Col de Tende entgegen (BILD 18). Schließlich erreichen wir das überraschend große Fort Central (BILD 19), im geräumigen Innenhof haben sich einige Allradler zum Übernachten niedergelassen. Mit den letzten Sonnenstrahlen geht es nochmals den alten Tenda-Paß hinunter ins Tal und mit Einbruch der Dunkelheit erreichen wir ziemlich geschafft unseren Zeltplatz. Am nächsten Tag müssen wir schon wieder nach Hause, aber eins ist sicher: hier waren wir nicht zum letzten Mal!

Ein paar Tipps: Als Übersichtskarte ausreichend: Michelin-Karte Nr. 245 im Maßstab 1 : 200 000.
Detailkarten: Vallée de la Roya Nr. 3841OT im Maßstab 1 : 25 000 (mit Lücken in der Streckenführung auf italienischer Seite), evtl. südlich anschließend noch die Blätter 3741ET und 3742OT. Die italienische Seite deckt die Karte Nr. 8: Alpe marittime e ligurie ab.
Ein GPS empfanden wir als hilfreich, da eindeutige Wegweiser nicht immer vorhanden sind.
Befahrung der Strecke unbedingt nur mit Stollenreifen und bei trockener Witterung. Wegen Gewitterneigung am Nachmittag und stärkerer Wolkenbildung lieber früh am Morgen aufbrechen, unterwegs fast keine Schutzhütten. Werkzeug und bei kleinen Tanks evtl. Reservebenzin mitnehmen (gute Erfahrungen habe ich mit den Fuel Bottles von Sigg mit passendem Ausgießer). Möglichst nicht allein fahren. Genügend Trinkwasser mitführen, es gibt nur wenige, zeitweise ausgetrocknete Brunnen. Ein Dunstfilter für Fotos ist hilfreich. Stets auf Gegenverkehr und Geschwindigkeitsbegrenzungen achten (drohende Streckensperrung!), am Wochenende Ausflugsbetrieb möglich. Der nördlichste Abschnitt kann gesperrt sein, es sind zwei Schlagbäume vorhanden. Zeltplätze gibt es in Limone Piemonte, Tende, Fontan, Breil, Sospel. Wildcamp auch an den verschiedenen alten Forts möglich, aber abends sehr kalt und häufig windig. Wenig westlich des Colle di Langan ein campeggio agrituristico. Touristinfo in Tende, dort auch 4 x 4 Ausflüge ins Vallée des Merveilles mit sehenswerten Felszeichnungen aus der Bronzezeit buchbar. Lohnend auch die Eisenbahnfahrt auf kurioser Trasse mit vielen Tunnels durch das Roya-Tal.
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